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Themenwoche Alkoholabhängigkeit

Das Feierabendbier, das Glas Rotwein nach einem anstrengenden Tag bei der Arbeit oder das Glas Sekt, weil es etwas zu feiern gibt. Alkohol ist für viele fester Bestandteil im Alltag. Aber wie viel Alkohol ist eigentlich zu viel? Und wann entsteht eine Abhängigkeit?
Wir haben ein großes Ziel: wir wollen das Schweigen beim Thema Alkoholabhängigkeit brechen und offen über diese Krankheit sprechen.

Dafür sprechen wir mit Menschen, die alkoholkrank waren oder sind. Über ihren Weg in die Sucht und auch wieder raus erzählen sie bei uns im Radio. Gespräche führen wir aber auch mit Angehörigen. Oft wird vergessen, dass auch Ehepartner, Kinder, Familie und Freunde co-abhängig sind und genauso oder vielleicht noch mehr mit Sorgen und Ängsten kämpfen.

Auf dieser Seite findet Ihr ihre Geschichten. Ihr findet aber auch Einschätzungen von Medizinern und Psychologen und natürlich auch Hilfsangebote.

Unser Ziel ist es anschaulich und informativ über das Thema zu berichten. Deshalb klickt Euch hier durch die verschiedenen Themenpunkte. Ihr findet:

Heike, 61

"Mit 30 haben wir ein Haus gekauft und mussten das komplett renovieren. Jeden Tag waren Leute zum Helfen da, es stand immer Alkohol auf dem Tisch. Irgendwann war die Renovierungsphase vorbei, aber der Alkohol ist bei mir geblieben.

Ich hab immer funktioniert, ich war immer arbeiten, hab die Kinder großgezogen und gedacht, ich hab alles im Griff. Ich musste aber immer früh nach Hause, konnte meine Sucht irgendwann nicht mehr mit Bier kompensieren, dann kam der Weinbrand dazu. Damit niemand etwas merkt, war ich immer früh im Bett."

Gunter, 56

"Das erste Bier hab ich mit 16 getrunken. Später auf Partys und auf Scheunenbällen vielleicht auch das ein oder andere mehr. So hat sich das langsam eingeschlichen. Irgendwann hab ich gemerkt, dass das auch ein guter Problemlöser ist, ich mich damit gut beruhigen kann. So hat alles angefangen.

Gudrun, 61

"In meiner Jugend hab ich jede Party mitgenommen. Während meine Freunde damals in die Lehre gingen, hab ich einfach den Absprung nicht geschafft, nie aufgehört zu trinken. Dazu kamen später Probleme im Elternhaus, Probleme in der Ehe. Mit Alkohol war das alles erträglicher. Das hat auch erst ganz gut funktioniert, bis der Konsum dann immer mehr wurde. Bier und Wein reichten nicht mehr aus, nur Wodka brachte mir die benötigte Erleichterung."

Annette, 50

"Als wir angefangen haben zu bauen, hat alles angefangen. Während der Bauphase bin ich Mutter geworden, mein Mann hat nur Nachtschichten gemacht. Ich musste mich um unserer Tochter und die Bauarbeiter kümmern. Abends war ich einfach kaputt und hab ein, zwei Gläser Wein getrunken. Und irgendwann stand die Flasche dann jeden Tag auf dem Tisch. So richtig schlimm wurde es aber erst, als mein Vater verstorben ist. Da bin ich in ein Loch gefallen."

Anja, 43

Kennengelernt habe ich meinen Mann vor 16 Jahren in der Kneipe, wie das damals so war. Wir haben uns immer öfter dort gesehen, aber während ich abends mein eines Alt-Schuss getrunken habe, war das bei ihm immer schon ein bisschen mehr. Im Laufe der Jahre habe ich das immer wieder angesprochen. Die Einsicht war nicht da. Ich konnte reden wie ich wollte, es kam nicht an. Ich hab mich hilflos gefühlt, weil ich erzählen konnte was ich wollte, es hat keiner so richtig ernst genommen.

Eva, 35

"Er hat schon immer viel getrunken. Aber da hatte ich noch nicht das Gefühl, dass er ein Problem hat. Als wir zusammen ein Haus gekauft haben, ist es mir dann vermehrt aufgefallen. Es landete immer Alkohol im Einkaufswagen. Wie er getrunken hat, habe ich aber nie gesehen. Dann kam die Corona-Pandemie, da hat sich dann alles verändert."

Patientin aus dem St. Rochus Hospital in Telgte

Wir haben eine Frau getroffen, die gerade ihren Alkohol-Entzug in Telgte im St. Rochus Hospital macht. Sie trinkt schon seit über 20 Jahren, hat auch immer funktioniert, bei der Arbeit zum Beispiel. Erst die letzten sechs Jahre hat sich Ihr Alkoholkonsum gesteigert. Eine Flasche Wodka trinkt sie binnen zwei Tagen. Sie war bereit, ihre Geschichte mit uns zu teilen, möchte aber anonym bleiben.

Fragen an Dr. Rolf Wrede, leitender Psychologe am St. Rochus-Hospital in Telgte

1. Wann spricht man von einer Alkoholabhängigkeit? 

„Die Sucht ist gekennzeichnet dadurch, dass man die Kontrolle verloren hat. Die Kontrolle über den Alkoholkonsum. Man trinkt nicht zum Genuss, zur Freude, zur Geselligkeit, sondern um den Entzug zu lindern, um zu funktionieren. Früher hat man ohne Alkohol funktioniert. Aus der Gewohnheit Alkohol hat sich eine Krankheit entwickelt. Für das Gehirn ist der Alkohol so wichtig geworden wie Essen und Trinken.“

2. Sind mehr Frauen oder Männer betroffen?

„Frauen und Männer sind ungefähr gleich betroffen.“

3. Was sind mögliche Folgen von Alkoholabhängigkeit?

„Die Folgen können sein, dass man seinen Arbeitsplatz verliert, die Familie verliert. Dass die Gesundheit leidet: Leberschäden, die Haut wird schlecht, die Verdauung verändert sich, Gehirnzellen können absterben. Alkohol ist ein Zellgift und Zellen sterben ab im Nervensystem und die Folgen sind, dass man irgendwann nicht mehr funktioniert.“

4. Ist Alkoholabhängigkeit ein Generationen-Ding?

„Die Alkoholabhängigkeit ist kein Generationsproblem, es kann jeden betreffen, nur dauert es etwas, bis man alkoholkrank wird. Das ist nicht etwas, was nach mehrmaligem Konsum passiert, sondern sich über Jahre langsam hinzieht. Man kann richtig in die Sucht rein rutschen, ohne dass man es merkt und wenn man es merkt, dann sitzt man in der Sucht drin und kommt so leicht nicht wieder raus.“

5. Wie kann Alkoholabhängigkeit behandelt werden?

„Zuerst geht man in die Entgiftung. Zum Beispiel im Rochus Hospital. Das ist die reine körperliche Entgiftung. Neben der medizinisch/ pflegerischen Grundversorgung sind auch die Sozialarbeiter wichtig, die sich um viele Dinge kümmern, die vielleicht im Argen sind. Die kümmern sich dann auch um die Organisation und Planung von Entwöhnungstherapien. Wir vermitteln in der Klinik weiter in Entwöhnungstherapien oder vermitteln den Kontakt zu Suchtberatungen.“

6. Wie viele Patienten werden im Rochus Hospital in Telgte jährlich behandelt?

„Wir behandeln im Rochus ca. 400-450 alkoholkranke Patienten und 300-350 drogenabhängige Patienten."

Studiogast Thorsten Rahner von der quadro Sucht- und Drogenberatung im Kreis Warendorf

Thorsten Rahner arbeitet seit mehr als 25 Jahren bei der quadro Sucht- und Drogenberatung im Kreis Warendorf. Im Rahmen unserer Themenwoche "Von Promille zum Problem" hat er Alica und Sven im Studio besucht und Eure Fragen zum Thema Alkoholabhängigkeit beantwortet. Hier könnt Ihr alles nachhören.


Eure Rückmeldungen

Seit Beginn unserer Themenwoche bekommen wir ganz ganz viel positives Feedback von Euch - das freut uns riesig! Hier ein paar Nachrichten, die uns erreicht haben:
 

"Hallo! Markus aus Wadersloh hier! 50 Jahre alt, Postbote und Freiwilliger Feuerwehrmann! Ich bin seit 2006 trocken! Ich habe meine besten Partys nüchtern gefeiert. Meine Selbsthilfegruppe ist die Feuerwehr, witzigerweise bin ich dort seid einigen Jahren Getränkewart (..) Mir hat geholfen und hilft, dass ich damit offen umgehe. Ein Satz von meiner Therapeutin hat mich geprägt: es gibt kein bisschen Krebs. Das war der Grund, warum ich die Therapie damals gemacht habe. Ich verteufel den Alkohol nicht, aber ich plädiere für einen verantwortungsvollen Umgang damit!" (Markus)

"Es ist eine beschissene Suchtkrankheit. Leider habe ich dadurch einen sehr netten Menschen verloren." (Daniel)

"Alkohol ist der Teufel persönlich!" (Kerstin)

"Ein höchst interessantes Thema. Bin Angehörige eines alkoholkranken Exmannes, wir haben trotzdem einen guten Kontakt." (Susanne)

"Alkohol ist und bleibt Einstiegsdroge Nr.1!" (Pascal)

"Ich finde die Idee mir der Themenwoche seeeeeeeehr interessant. Wir hatten früher, als wir noch zur Miete wohnten, Alkoholiker unter uns wohnen. Das Wochenende war immer grausam, da schlug die Sucht in Aggressivität um, die Nächte waren schlimm. Großes Lob an euch und alle, die so offen über ihre Sucht gesprochen haben."  (Christiane)

"Alkohol ist scheiße! Habe einen Vater, der nasser Alkoholiker ist, seit über 40 Jahren." (Yvonne)

"Wir haben ein Pflegekind mit FASD-Syndrom. Ein Appell: bitte verzichtet zu 100% auf Alkohol während der Schwangerschaft!" (Bea)

"Der Alkohol hat meine Eltern beide zerstört." (Silke)

"Ich bin seit 27 Jahren trocken und verdammt stolz drauf!" (Peter)

"Danke, dass Ihr das Thema zur Sprache bringt. So so wichtig!" (Melanie)

"Ich habe im April 2022 mit dem Alkohol aufgehört, nachdem ich bemerkt habe, dass ich ein Problem daraus entwickelt habe. Der Weg war nicht einfach, aber es macht unglaublich stolz und glücklich. Ich hätte mir damals gewünscht, dass mich jemand darauf anspricht. Ich bin dann den Schritt alleine gegangen, was mir unglaublich peinlich war. Ich kann nur jedem empfehlen, Freunde oder Familienmitglieder vorsichtig darauf anzusprechen. Es ist unangenehm, aber ich hätte es gebraucht damals." (Tanja)


Hilfsangebote

Wenn ihr von einer Alkoholabhängigkeit betroffen seid und Hilfe braucht, könnt ihr die hier bekommen:

Lokale Hilfsangebote:


Ihr wollt noch mehr erfahren? So hat alles angefangen:

Im September hat uns Gunter aus Oelde per WhatsApp diese Nachricht geschrieben:

"Hallo, mein Name ist Gunter Wildhage ich komme aus Oelde. Seit 2013 besuche ich einmal in der Woche eine Selbsthilfegruppe für Suchtkranke Menschen, ich bin seit dieser Zeit "Trockener Alkoholiker" Die Selbsthilfegruppe ist der Freundeskreis Oelde" Mein Weg aus der Sucht ". Der eingetragene Verein wurde 1974 gegründet und feiert also dieses Jahr sein 50 jähriges Bestehen! Wir haben in unserer Gruppe darüber gesprochen, daß es eventuell interessant wäre darüber zu berichten? Wir würden uns über eine Rückmeldung sehr freuen und ob und wie man so etwas machen könnte!?"

Wow. Das war unsere erste Reaktion. Wie toll, dass dieser Mann sich an uns, an das Lokalradio wendet und uns das Vertrauen entgegenbringt. In der Redaktionskonferenz am nächsten Tag haben wir in großer Runde über Gunters Nachricht gesprochen und waren uns schnell einig, dass wir auf jeden Fall über das Thema berichten möchten. Allerdings größer. Ausführlicher. Intensiver. Wir waren uns einig, dass wir daraus eine Themenwoche machen. Und so war dieses Projekt geboren. In den letzten fünf Monaten haben wir recherchiert, dokumentiert, vor allem aber den Kontakt zu betroffenen Menschen im Kreis Warendorf gesucht. Dass diese Menschen uns aber so offen, ungeschönt und berührend ihre Geschichte erzählt haben, damit haben wir nicht gerechnet und waren tief beeindruckt. Wir haben ein Treffen von Gunters Selbsthilfegruppe, dem Freundeskreis Oelde, besucht. Wir waren in Telgte im St. Rochus Hospital und haben mit einer Patientin gesprochen, die dort behandelt wird wegen ihrer Alkoholsucht. Wir haben mit Medizinern und Therapeuten gesprochen, mit Angehörigen von suchtkranken Menschen, die ganz oft vergessen werden, obwohl sie genauso leiden. Und wir haben so viele Rückmeldungen von EUCH im Kreis Warendorf bekommen. Ihr habt uns Eure Geschichte erzählt, Ihr habt Euch uns anvertraut und Ihr habt das Thema als genauso wichtig angenommen, wie wir hier in der Redaktion. Dafür möchten wir DANKE sagen.

Wir hoffen, dass wir mit dieser Themenwoche etwas bewegen konnten. Dass wir aufklären konnten über eine Sucht, die so allgegenwärtig ist, dass wir sie oft nicht mal mehr bemerken.